Die Universität Bremen hat Nachhaltigkeit zu ihrem Leitziel erklärt, das alle Fachbereiche und auch den Alltag auf dem Campus durchziehen soll. Im architektonisch ältesten Teil der Universität befindet sich unter dem Gebäude der Geisteswissenschaften 2 (GW2) eine Tiefgarage. Für Autofahrende ist sie ein überdachter Stellplatz (Tagesticket: 2 Euro). Alle anderen queren sie meist nur, um zu Fuß schnell die Cafete oder die Seminarräume zu erreichen.
Dem aufmerksamen Auge bietet sich bei dieser Passage ein Eldorado an Wandbemalungen: klassische Graffiti, gezielt komponierte Murals und Stencils – also Schablonen-Graffiti, die wie Flyer vervielfältigt und an unterschiedlichen Stellen gesprüht werden können. Anders als zum Beispiel in Galerien folgt die öffentliche, aber anonyme Zeichensprache einem freien Spiel aus Bezugnahme, Aktualisierung und Übermalung. Doch das Übermalen geschieht nicht nur durch die Künstler*innen selbst, sondern auch durch die Universität, was an einigen Stellen sichtbar wird.
Eine Seitenwand der Tiefgarage ziert ein von Alice im Wunderland inspiriertes Mural. An den Betonsäulen stehen Stencils wie das eingangs zitierte. Weitere graphisch eingebettete Slogans werben für klimafreundliche Mobilität.
Ein paar Meter entfernt, außerhalb der Tiefgarage, stellt sich die nächste Warnung quer: „Hier könnte Ihr Meeresspiegel stehen“, diesmal in blauen Lettern an einer runden Betonsäule, unterbrochen von einer piktografischen Wellenlinie. Dass Bremen früh betroffen sein wird, wenn die Sturmfluten auf die Weser drücken, ist bekannt. Aber so konkret, bis zum Campus der Universität, 1,80 über NHN, mag man es kaum glauben. Als Norddeutsche kennt man die Tafeln, auf denen die Wasserstände historischer Sturmfluten markiert sind: Hier stand uns das Wasser schon mal bis zum Hals.
Dieses Stencil meint alle, egal ob man Auto oder Rad fährt oder zu Fuß geht, der Klimawandel wird jede*n betreffen. Das ist der Grund, warum es Zeit für den Aus- und für den Umstieg ist. Die heimlichen Aktivist*innen haben die Botschaft schon formuliert: „less cars“ – „love biking“ – „pitch in!“. „Pitch in“ heißt sinngemäß: Mach mit, steig um auf Bike, Skateboard oder Inlineskates.
Urbane Kunst ist anonym und selten eindeutig lesbar. Es bleiben subjektive Deutungen. Im KuWi-Seminar im Sommersemester 2026 wurde Urban Art bei Spaziergängen durch Bremen gesucht, gefunden und diskutiert, etwa das große Wandgemälde am Bunker in der Admiralstraße (Findorff), oder kleine Schablonengraffiti auf dem Campus.
Quer über den Campus der Universität Bremen gibt es viele solcher Stencils. Was fehlt, ist eine aktive Anerkennung dieser nonverbalen Stimmen und Sirenen und eine historische Dokumentation dessen, was hier an Wänden, Türen und Fluren verhandelt wird – und wann und warum Autoritäten es wieder entfernen.