Hopeless

LISANN PRüSS

›Hope in hopeless times‹, so lautet der Titel des letzten Buches (2022) von John Holloway. Holloway ist ein international renommierter Politikwissenschaftler, Soziologe und Philosoph und lehrt als Professor in Puebla, Mexiko. 2024 war er zu Besuch an der Universität Bremen und ich durfte seinem Vortrag zuhören, der mich tief beeindruckt hat. So ging es auch Ulrike Flader (Lehrende) und Nora Diekmann (studentische Mitarbeiterin) von der Universität Bremen, Fachbereich Kulturwissenschaft, die sich intensiv mit seinen Theorien beschäftigt haben. Gemeinsam haben wir uns über Hoffnung, Antikapitalismus, Reichtum und Kreativität unterhalten.

Kriege, Klimawandel, Faschismus, Nationalismus. Ein wachsendes Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Holloway zeichnet zur Beschreibung der Gegenwart das Bild eines rasenden Zuges in Richtung Aussterben. ›Dark times. Hope becomes ridiculous‹. Und doch schreibt er in seinem Buch, dem dritten Teil einer Trilogie, wie wichtig Hoffnung ist, wo wir sie finden können und wie wir sie politisch und praktisch nutzen können. Ulrike Flader spürt diese Hoffnungslosigkeit bei den Studierenden, Nora Diekmann in Teilen der Linken: ›Entweder du gehst dann die ganze Zeit demonstrieren, oder du kommst wieder in so eine Resignation. So ein Gefühl, das es schon lange in der linken Szene gibt, (…) von wegen ‚es gibt keine Alternative zum Kapitalismus’.‹ Sie beide kritisieren diese Denkweise jedoch stark und stimmen Holloway zu: Hoffnung sei eine Notwendigkeit. Lähmung und Stillstand sind nicht hilfreich, nicht nur für einen persönlich, sondern auch in politischer Hinsicht: ›Warum solltest du Politik machen, wenn du denkst, es gebe bald kein Leben mehr. Man braucht eine Vorstellung von Veränderung‹, so Ulrike. Ebenso beschreibt es auch Holloway: ›Hope is a movement against permanence”. Holloway bietet für Ulrike und Nora nicht nur neue Perspektiven, sondern ein ›Öffnen‹. Für ihn ist es ein Teil der Hoffnung, dem ›Containment‹, also dem Eingrenzen, ein ›Overflowing‹, entgegenzubringen. ›Overflowing ist in dem Sinne keine klar benennbare Praxis. Es ist eben ein ‚Mehr, als was ist‘‹, sagt Ulrike. Sich also nicht in einschränkenden Definitionen und Identitäten oder starren Vorstellungen zu befinden, sondern darüber hinauszudenken und zu handeln. Eine solche Einschränkung ist beispielsweise die Logik des Kapitalismus und des Geldes, in der Holloway die Probleme der Gesellschaften begründet sieht. Deshalb sei es wichtig, Risse in dieser Logik zu schaffen:

›A multiplication of cracks in the texture of domination, a proliferation of spaces, moments, areas of activity where we say ‘No, here we will not follow the rule of money, here we shall do what we collectively consider necessary or desirable’.‹

›Eine Vervielfachung von Rissen im Gefüge der Herrschaft, eine Vermehrung von Räumen, Momenten und Tätigkeitsbereichen, in denen wir sagen: ‚Nein, hier werden wir der Herrschaft des Geldes nicht folgen; hier werden wir tun, was wir gemeinsam als notwendig oder wünschenswert erachten‘.‹

Solche Cracks können für Nora und Ulrike verschiedenste Dinge bedeuten. Es können politische Bewegungen sein, wie die Zapatistas in Mexiko oder die kurdische Bewegung, aber auch schon kleinere Organisationen wie Community-Gärten.

›Aber er hat auch immer betont, und das fanden viele in den Seminaren spannend, es kann eben schon allein das Studieren an sich sein, weil du dich nicht sofort dem Arbeitsmarkt unterwirfst, sondern in dem Moment eigentlich sozusagen ganz ‚unproduktiv’ viel liest und denkst und oftmals auch das kapitalistische System kritisch hinterfragst‹, erklärt Nora.

Eine Aussage Holloways, die mir von seinem Vortrag im ›Hope in hopeless times‹, so lautet der Titel des letzten Buches (2022) von John Holloway. Holloway ist ein international renommierter Politikwissenschaftler, Soziologe und Philosoph und lehrt als Professor in Puebla, Mexiko. 2024 war er zu Besuch an der Universität Bremen und Gedächtnis blieb, ist, dass eigentlich alle Weihnachtsfilme antikapitalistisch seien, da dort Freundschaft und Liebe meist viel wichtiger sind als Geld oder Karriere. Für Ulrike ›liegt Hoffnung eben genau in den Momenten, in denen Menschen zusammenkommen und ihr Leben nicht von kapitalistischen Verhältnissen bestimmen lassen‹.

Neben dem ›Overflowing‹ und den ›Cracks‹, spielt auch ›Richness‹ für Holloway eine große Rolle, wenn es um Hoffnung geht. Er grenzt diesen Begriff im Englischen von ›Wealth‹ ab, der vor allem auf Geld bezogen wird. Im Gegensatz dazu sagt er:

›Richness is the movement of our becoming, the unfolding of our creativity.‹

›Reichtum ist die Bewegung unseres Werdens, das Entfalten unserer Kreativität.‹

Laut Nora lässt sich dies zum Beispiel anhand eines Laptops erklären: Die Tatsache, dass die Menschen so kreativ sind, um Technik zu erfinden und sie weiterzuentwickeln, ist ›Richness‹. ›Wealth‹ wird es erst dann, wenn der Laptop zur Ware wird.

Ulrike ergänzt: ›Was uns Holloway hier aufzeigen will, ist, dass der Reichtum der Welt eigentlich in der Kreativität selbst liegt und nicht in der Ware. Das finde ich sehr bedeutsam. Wenn wir das so sehen, dann ist Reichtum überall, in jeglicher menschlichen Kreativität zu erkennen, nicht nur in dem Produkt, das dann einen Geldwert bekommt. So, wie wir es gewohnt sind, wie es uns der Kapitalismus beibringt, Wert zu verstehen.‹

Hoffnung ist also überall zu finden, wenn man den Blick dafür öffnet, wenn man sich regelrecht noch traut zu hoffen, realistisch zu hoffen. Ulrike betont, dass Holloways Hoffnung nicht blind oder religiös sei, sondern praktisch und begründet in der Kreativität der Menschen. Realistisch zu hoffen, ist demnach schon fast eine Art des Widerstands: ›Es hat sogar der Gedanke gesiegt, dass wir eine Vorstellung von einer besseren Welt gar nicht ausformulieren dürfen, weil, es ist ja eh ‚alles nur Utopie‘. Utopien zu formulieren ist in den letzten Jahrzehnten quasi diskreditiert worden. Dabei ist das ja eine gute Frage: Ist es nicht wichtig, dass wir eben gerade an der Idee von Utopie oder an der Idee von Hoffnung festhalten?‹.

Obwohl ›Hope in hopeless times‹ ein eher düsteres Buch ist, gibt es doch Kraft. Ulrike und Nora beobachten beide an der Uni und im persönlichen Umfeld, dass sehr viele Menschen Holloways Theorien bräuchten. Und auch ich habe das in seinem Vortrag gespürt: Wenn er auch keine eindeutige Anleitung zum Handeln gab, dann aber auf jeden Fall ein Gefühl von Aufbruch. Also, schaut alle mehr Weihnachtsfilme und:

›Start this book, or start your thesis, your essay, your talk, your thinking, your design, your gardening, your building, your song, your dance not from fear and enclosure but from richness: now is the time for our hearts to dance. Now is the time to write the poetry of overflowing.‹

›Beginne dieses Buch oder beginne deine Abschlussarbeit, deinen Aufsatz, deinen Vortrag, dein Denken, dein Entwerfen, dein Gärtnern, dein Bauen, dein Lied, deinen Tanz nicht aus Angst und Enge, sondern aus dem Reichtum heraus: Jetzt ist die Zeit, dass unsere Herzen tanzen. Jetzt ist die Zeit, die Poesie des Überfließens zu schreiben.‹

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