Narrenfreiheit für Kinder

DARIUSCH TABATABAEI

Wer dem Kinoplakateflohmarkt 2024 im City 46 einen Besuch abstattete und sich durch die zahlreichen Poster wühlte, konnte sicherlich das ein oder andere persön- liche Highlight abstauben – wie etwa das Plakat zu Majid Majidis ›Sun Children‹. Dass es das Plakat allerdings noch in vielfacher Ausführung gab, vermag nicht zu überraschen: Kinder in Deutschland werden mit dem iranischen Film von 2020 wahrscheinlich nicht viel anfangen können, da er einem Rahmen entspringt, der sich stark vom deutschen unterscheidet.

Deutsche Kinderfilme werden gezielt für junge Kinogänger:innen gemacht. Oftmals basieren sie auf Bestseller-Buchvorlagen wie ›Jim Knopf‹, ›Lukas der Lokomotivführer‹ und ›Die Schule der magischen Tiere‹ oder sind Fortsetzungen erfolgreicher Filme. Ohne ihnen Originalität absprechen zu wollen, kann man sagen, dass bei der Auswahl der Stoffe oft auf Nummer sicher gegangen wird. Das liegt am deutschen Filmfördersystem, das eine gewisse wirtschaftliche Sicherheit verlangt – gerade Kinderfilme gelten da als verlässliche Bank, vor allem bei bekannten Vorlagen. Dadurch gibt es aber nur selten gewagte Projekte, die sich nicht auf bereits existierende Geschichten und Franchises beziehen. An den Kinokassen ein Erfolg, werden diese Filme jedoch selten auf Festivals gezeigt. Internationale Anerkennung ist vermutlich weder erklärtes Ziel noch maßgeblicher Antrieb.

Anders funktioniert dies im iranischen Kinderkino, dessen Blütephase in den 1990er- und 2000er-Jahren international für Aufsehen sorgte. Bereits vor der Revolution 1979 und der Machtübernahme des Mullah-Regimes mussten die Filmemacher:innen oftmals darum kämpfen, gesellschaftskritische Filme am Zensurapparat vorbeizuschleusen oder überhaupt zu produzieren. Nach der Machtübernahme verschärfte sich die Situation, was dazu führte, dass sich in den 1980er-Jahren – parallel zum Aufstieg international gefeierter Regisseure wie Abbas Kiarostami – eine neue Bewegung im iranischen Kino formierte, in der Kinder im Mittelpunkt stehen. Erzählt werden Geschichten, in denen sie sich in einer Welt zurechtfinden müssen, die sie und ihre Bedürfnisse nicht ernst nimmt und sie in ein System pressen möchte, in das sie nicht hineinpassen.

Doch die kleinen Held:innen lassen sich nicht unterkriegen und der dargestellte kindliche Idealismus lässt die damals neue iranische Kinderfilm-Bewegung zu einem Highlight auf europäischen Filmfestivals und der internationalen Bühne werden.

Erzählt werden Geschichten, in denen Kinder sich in einer Welt zurechtfinden müssen, die sie und ihre Bedürfnisse nicht ernst nimmt und sie in ein System pressen möchte, in das sie nicht hineinpassen

Namhafte Filmschaffende wie Behram Bayzai, Jafar Panahi, Bahman Ghobadi und die bereits genannten Majidi und Kiarostami konnten mit ihren Kinderfilmen bei Festivals in Cannes, Berlin, San Sebastián und Locarno Preise abräumen. Majid Majidis ›Kinder des Himmels‹ wurde 1999 als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert – als erster iranischer Film überhaupt.

Es entstand fast der Eindruck, iranisches Kino bestehe nur aus Kinderfilmen. Da Kinderfiguren bei der Zensur durch die iranische Mullah-Regierung eine gewisse Narrenfreiheit haben, können die Filme deutlich stärker mit gesellschaftspolitischen Problemen ins Gericht gehen – und die Zensur somit austricksen. Die Filme erhalten dadurch einen hohen Stellenwert in der iranischen Kunst und Kultur und werden zuweilen sogar wie etwa durch die Einreichung von ›Kinder des Himmels‹ bei den Oscars vom Regime selbst gefördert und für sich beansprucht, um den Status der persischen Hochkultur auf internationaler Ebene aufrechtzuerhalten.

Indem Probleme der Erwachsenen auf den Kinderalltag projiziert werden, können iranische Filmschaffende nuanciert, originell und unzensiert ihre Geschichten erzählen und so ein deutlich kritischeres Kino schaffen als durch ›Erwachsenenfilme‹. Während in Deutschland das Fördersystem klare wirtschaftliche Maßgaben setzt, erzwingt im Iran die Zensur kreative Umwege.

Jafar Panahi, dessen neuer Film ›It Was Just An Accident‹ im Mai in Cannes Premiere feierte, brachte diesen Widerspruch auf den Punkt: ›Es ist die Islamische Republik Iran, die uns ins Gefängnis wirft. Es ist die Islamische Republik, die diesen Film gemacht hat. Sie muss begreifen, dass sie die Konsequenzen tragen muss, wenn sie einen Künstler einsperrt.‹ Es ist der Druck von außen, der im iranischen Kino oft die stärksten Bilder erzeugt – und gerade das Kinderkino hat daraus lange seine eigene, stille Kraft geschöpft.

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