Einer der besten Clubs Deutschlands

ANDREAS SCHNELL

Dass einer der besten Clubs Deutschlands im Künstlerdorf Worpswede liegt, das haben die Ehrenamtlichen des Vereins Music Hall Worpswede sozusagen schwarz auf weiß: Im Jahr 2013 wurde der alte Festsaal unterm Reetdach mit rund 450 Stehplätzen in der Kategorie Club des Jahres für den Live-Entertainment- Award nominiert – als einer von drei Konzertorten im Land. Dabei ist die Music Hall eher urig als hip. Sogar Heinrich Vogeler hatte hier einst ein Arbeitszimmer. Wer allerdings glaubt, dass hier vor allem gut abgehangene Pop- und Rockstars durchtingeln, irrt.

Zwar stehen immer wieder Konzerte gestandener Legenden auf dem Programm. So waren die Hardrock-Klassiker Uriah Heep schon mehrfach zu Gast, Animals-Sänger Eric Burdon, Rolling-Stones-Bassist Bill Wyman oder auch BAP und Konstantin Wecker, ja sogar die wiedervereinten Fehlfarben waren in der Music Hall zu sehen. Aber zum einen schauen auch jüngere Pop-Bands wie Silbermond, die Söhne Mannheims, Ärzte-Schlagzeuger Bela B. oder die Indie-Pop-Band Nada Surf vorbei. Zum anderen finden sich immer wieder auch Konzerte von Acts wie dem nigrischen Gitarrenvirtuosen Bombino, Vieux Farka Touré aus Mali oder der marokkanischen Sängerin Oum auf dem Programm. Obendrein gibt es auch Lesungen, Kabarett, Theater und Partys.

Dass sich ein solcher Ort abseits der Großstadt etablieren konnte – übrigens mehr als 20 Jahre lang ganz ohne Mittel aus der öffentlichen Hand – ist schon ein kleines Wunder. ›Gegründet wurde die Music Hall 1994 von einem Kreis um Hans-Dieter Ludwig‹, erzählt Marion Jenke, stellvertretende Vorsitzende des Vereins Music Hall Worpswede e.V. ›Als H-D, wie ihn seine Freunde kurz zu nennen pflegten, 1993 einer jungen, russischen Jazzband zu einem Gastspiel verhalf, kam die Idee: Warum sollte man nicht in dem alten, recht heruntergekommenen Saal des geschichtsträchtigen Worpsweder Gasthauses Hotel Stadt Bremen wie einst wieder Musik-Veranstaltungen anbieten?‹ Der bald zusammengetrommelte Freundeskreis konnte sich mit dem damaligen Wirt einigen und brachte den Saal mit viel Eigeninitiative auf Vordermann. Rund ein Jahr später, erhielt der Verein die Gemeinnützigkeit.

Aber wie funktioniert das, so einen Betrieb so lange ohne Subventionen am Leben zu erhalten? ›Mit ganz viel Herzblut und persönlichem Engagement‹, sagt Jenke. ›In den 31 Jahren arbeiten nahezu alle Beteiligten ehrenamtlich. Außerdem wird die Music Hall bis heute von einem Freundeskreis mit jährlichen Beiträgen unterstützt. Zuschüsse erhielten wir tatsächlich erst 2017 für größere Umbauten wie Brandschutz, erweiterte Toilettenanlage mit einem Behinderten-WC und barrierefreiem Zugang vom Amt für regionale Landesentwicklung Lüneburg zur Förderung der integrierten ländlichen Entwicklung.‹

›Der persönliche musikalische Geschmack fließt natürlich mit ein, aber letztlich ist die Qualität der Bands und Künstler das A und O. Und beim Publikum ankommen muss das Programm selbstverständlich ebenso‹

Die Pandemie-Jahre überstand die Music Hall einesteils mithilfe des Bundesprogramms Neustart Kultur, andernteils durch die Unterstützung des Publikums, das sich dem Haus offenbar sehr verbunden fühlt: ›Die Music Hall hat frühzeitig eine Spendenaktion über Betterplace ins Leben gerufen, die dank unserer sehr treuen Music-Hall-Fans sehr erfolgreich war‹, sagt Jenke.

Jenes Publikum kommt freilich nicht aus Worpswede allein, und auch nicht nur aus Bremen und Umgebung, ergänzt sie: ›Gäste kommen aus dem gesamten norddeutschen Raum und bei besonders zugkräftigen Konzerten auch von sehr viel weiter her.‹ Für die Attraktivität des Programms sorgt ein fünfköpfiges Booking-Team. ›Der persönliche musikalische Geschmack fließt natürlich mit ein, aber letztlich ist die Qualität der Bands und Künstler das A und O. Und beim Publikum ankommen muss das Programm selbstverständlich ebenso‹, sagt Jenke.

Das Engagement hat auch überregional Strahlkraft: 2017 erhielt Doris Fischer, von Anfang an in das Projekt involviert, nach dem Tod Hans-Dieter Ludwigs lange Zeit erste Vorsitzende des Vereins und heute hauptsächlich im Booking aktiv, für ihr Engagement sozusagen stellvertretend für die Music Hall die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Bei so viel Anerkennung fragt sich, warum es bis heute keinen Eintrag in der Wikipedia für die Music Hall gibt. ›Haben wir tatsächlich noch nicht drüber nachgedacht‹, sagt Jenke, ›aber danke für die gute Idee, das werden wir ändern!‹

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