Die geraubten Möbel

VINCENT KLUGER

Ein kalter Sonntag, etwa 40 Interessierte stehen versammelt an der Weserpromenade zwischen Wilhelm-Kaisen-Brücke und Weserarkaden. Ihnen gegenüber befindet sich das „Mahnmal zur Erinnerung an die massenhafte Beraubung europäischer Jüdinnen und Juden durch das NS-Regime und die Beteiligung bremischer Unternehmen, Behörden und Bürgerinnen und Bürger“. Es ist die letzte Station der Radtour, entlang an Orten des Raubes. Entlang an Orten der Bürokratie, des Arbeitens und des alltäglichen Lebens. Entlang von Spuren des Unrechtsstaats Nazi-Deutschland.

Diese Radtour ist anders als die, die Evin Oettingshausen und Henning Bleyl sonst organisieren. Als Verantwortliche der Initiative geraubt.de haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, die „Leerstellen und Geschichtslücken“ rund um die Beraubung der jüdischen Bevölkerung und Bremens spezielle Rolle dabei ins Bewusstsein zu rücken. Von Oettingshausen stammt der Entwurf für das Mahnmal, welches 2023 eingeweiht wurde. Die Schauspieler*innen Karin Enzler und Levin Hofmann des Theaters Bremen ergänzen die beiden diesmal, sie lesen aus historischen Dokumenten vor, die Bestandteil der aktuellen Produktion „Raub. Verladene Erinnerungen“ sind.

Die bürokratisch orchestrierte Entwendung jüdischen Eigentums, als „Aktion M“ bezeichnet, war zentraler Bestandteil der Verdrängung und Auslöschung jüdischen Lebens im Deutschen Reich. Ein perfides Zusammenspiel aus Gesetzgebung und Verwaltungsvorschriften, das Fritz Bauer später als „Unrechtsstaat“ definieren wird. Stellvertretend dafür steht das „Haus des Reichs“, Sitz des Bremer Finanzamts und gleichzeitig Start der Radtour. Beim Finanzamt lag die Koordination der Speditionen, Auktionshäuser und Gerichtsvollzieher, die mit der „Verwertung“ des jüdischen Eigentums beauftragt waren.

Das alles vollzog sich vor den Augen der Öffentlichkeit. Für die Möbel aus ehemals jüdischem Besitz hatte sich in der Alltagssprache wie auch im amtlichen Schriftverkehr der Begriff „Hollandmöbel“ etabliert. Die Auktionen, etwa auf dem Gelände der „Weser Kampfbahn“, dort wo heute das Weserstadion steht, waren populäre Veranstaltungen. Vom Verkauf des Hausstands profitierte der Staat dabei unmittelbar und füllte die Kriegskasse.

Oettingshausen und Bleyl verknüpfen auf dieser Rundtour weit mehr als die Fakten und die besuchten Orte miteinander. Durch die vorgelesenen Originaldokumente wird die Entmenschlichung mittels einer bürokratisierten und verharmlosenden Sprache – durchsetzt von Euphemismen wie „evakuierte Juden“ und „Judenauktionen“ – drastisch vorgeführt. Es bleiben Bilder einer Bevölkerung, die bei besagten Auktionen jüdischen Eigentums in Kaufrausch geriet und am Ende von nichts gewusst haben will, sowie von Unternehmern, die bis heute schweigen. Diese Radtour, das Theaterstück und Projekte wie geraubt.de zeigen, dass sich die Verantwortlichen und Profiteure von damals nicht ungestört im Hier und Jetzt bewegen können. Das Mahnmal an der Weser und Veranstaltungen, bei denen den Verfolgten gedacht wird, verankern das Erinnern in der Gesellschaft.

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