"Alle haben Lust"

ANDREAS SCHNELL

Nein, neu ist es nicht, dass bei der Bremer Shakespeare Company auch anderes auf dem Spielplan steht als die Werke des Hausdichters. Schon vor fast genau zehn Jahren meldete eine regionale Tageszeitung sogar verblüfft das scheinbare Paradoxon: eine ganze Shakespeare-Company-Spielzeit ohne Shakespeare-Premiere!

Allerdings ist die Lage heute dann doch eine andere: Mit Peter Lüchinger, Renate Heitmann, Annette Ruppelt, Erik Roßbander und Heike Neugebauer sind in den letzten Jahren prägende Personen in den Ruhestand gegangen. Und was vor nunmehr gut 40 Jahren, bei der Gründung der Company, überregional Furore machte, Theater ohne „vierte Wand“, zotig und mit aktuellen politischen Kommentaren gespickt, gehört heute zum Standard an deutschen Theatern – weshalb die Neuaufstellung bei der Company auch mit inhaltlichen Herausforderungen verbunden ist.

Seit einem Jahr führt Hellena Harttung die Geschäfte in Bremens zweitgrößtem Theater. Die erste Saison ihrer Amtszeit bietet bei fünf Premieren immerhin zwei neue Shakespeare-Inszenierungen: „Romeo und Julia“ in der Regie von Ensemble-Mitglied Michael Meyer und „Julius Cäsar“; auch hier führt mit Petra-Janina Schultz ein Mitglied des Ensembles Regie, auf der Bühne steht das Laienensemble Die Artverwandten. In weiteren Premieren gibt es zeitgenössische Dramatik, dazu kommt noch eine Zusammenarbeit mit dem Istanbuler Tiyatro BeReZe.

Dass am Leibnizplatz, wo die Company residiert, keine Intendanz auf einen Rutsch eine neue Dramaturg*innenriege mitsamt frischer Ästhetik installieren kann, mag die Sache nicht einfacher machen. Aber Selbstverwaltung, wie sie die Shakespeare Company seit ihrer Gründung pflegt, ist für Harttung Tugend statt Hindernis: Schon vor ihrer Zeit als Ortsamtsleiterin Mitte/Östliche Vorstadt arbeitete sie 15 Jahre in der Geschäftsführung des ebenfalls basisdemokratisch organisierten Blaumeier-Ateliers. Klar: „Das ist anstrengend. Selbstverwaltung ist anstrengend. So ist das mit allen demokratischen Strukturen. Man muss sie pflegen und hegen“, erklärt sie.

Bei der künstlerischen Entwicklung sieht sie sich als Teil des Ganzen – aber: Die künstlerische Ausrichtung überlässt sie dabei anderen. „Ich bin mehr für das Strukturelle und das Finanzielle zuständig“, umreißt sie ihre Aufgabe. Und da stimmen die Zahlen durchaus positiv: Der Publikumszuspruch sei „konstant leicht anwachsend“, auch wenn laut Harttung vorpandemische Zustände noch nicht wieder erreicht sind.

Dass das Ensemble auch mit einem Stück wie „Constellations“ von Nick Payne bestens zurechtkommt, das auf subtile Zwischentöne setzt, könnte auch ein neues Publikum anziehen. Das zweiwöchige Festival „Liebe geht raus“ mit seinen interaktiven Formaten habe nicht nur in diesem Sinn gut funktioniert, auch wenn solche Theatertage sich erst etablieren müssten. Das kommt vielleicht im Juni, wenn der „Shakesbiergarten“ auf den Quartiersplatz lädt, wo es Kurzversionen von Stücken aus dem Repertoire gibt. Neben der Neuaufstellung der Pressearbeit sowie der Social-Media-Aktivitäten könnte spätestens ab der kommenden Spielzeit eine neue Kollegin im Ensemble frische Impulse bringen. „Wie es für eine Selbstverwaltung typisch ist, wird sich das auch auf die Programmentwicklung niederschlagen“, sagt Harttung. Die Stimmung jedenfalls sei gut. „Alle haben Lust, und das merkt man nicht nur, wenn es um Engagement für das Haus im Allgemeinen, sondern auch, wenn es zum Beispiel um die Stückauswahl geht.“

Newsletter-Anmeldung

* Angaben erforderlich

Intuit Mailchimp