zett: „Viele Stärken – ein Land“ lautet das Motto zum Tag der Deutschen Einheit dieses Jahr. Was sind deine Gedanken dazu?
Hadija Haruna-Oelker: Ich höre da erst mal einen Wunsch nach Verbindung und Zusammenhalt heraus. Das ist per se nichts Schlechtes. „Ein Land – viele Stärken“, da könnte man natürlich jetzt fragen: „Ein Land – wessen Land ist das?“ Von welchem Land wird gesprochen und welche Stärken sind gemeint?
In deiner Arbeit sprichst du davon, dass Stärken wie Mehrsprachigkeit, die häufig Menschen mit Migrationsgeschichte haben, nicht als solche verstanden werden. Werden diese Leute und ihre Stärken mitgedacht?
Wenn wir auf den 3. Oktober gucken, dann gibt es oft ein Narrativ: Die Deutsche Einheit als nationale Erfolgsgeschichte. Die Kritik von mir, aber auch vielen anderen, ist, dass eben nicht jede Erfahrung von Menschen als Teil dieses neuen „Wirs“ mitgedacht wird. Also, dass diese Erzählung sich auf Freiheit, Demokratie und Überwindung von Teilung konzentriert, aber eben die Perspektiven von migrantisierten, Schwarzen Deutschen oder sogenannten Vertragsarbeiter*innen ausblendet, auch wenn diese Menschen ebenfalls Teil der ehemaligen DDR waren.
Bremen entwickelt zum Tag der Deutschen Einheit einen Podcast und sucht Geschichten aus der Bevölkerung. „Egal, ob aus Vietnam, Algerien, Mosambik oder einem anderen Ort der Welt – wir wollen eure Wege hören!“ Im nächsten Atemzug wird jedoch gesagt, dass Geschichten gesucht werden, die „herzlich“, „kurios“, „verbindend“ sind. Warum sollen Angst, Trauer, Wut und Scham nicht abgebildet werden?
Auch das könnte als Suche nach einer positiven Erzählung interpretiert werden. Die Suche nach einem konstruktiven, lösungsorientierten Ansatz. Das ist per se nicht falsch und ich drehe es einfach. Wieso kann verbindend nicht auch sein, über Trauer zu sprechen? Ich glaube, es ist eine Frage der Deutung und auch eine Frage des Mutes, wer dann wirklich eingeladen wird, wer sich meldet und letztlich auch angesprochen fühlt. Vielleicht ist es auch so, dass Menschen, wenn es um die Suche nach Verbindung geht, ihre Geschichten sogar eher erzählen, als wenn sie unter einer dramatischen Note angefragt werden. Schlussendlich ist das Zuhören und Nachfragen notwendig, um ein vollständiges Bild der Einheitsgeschichte, oder Uneinheitsgeschichte, wie es gerne auch heißt, zu erzählen. Auch, um das Heute zu verstehen und wohin sich Gesellschaft gerade entwickelt. So ist die Geschichte der DDR-Migration keine Randgeschichte, sondern deutsche Geschichte. Und dabei geht es auch darum, zu verstehen, welche gesellschaftlichen Zustände die Anschläge von Hoyerswerda und so vielen anderen Orten möglich gemacht haben. Dass sie eine Folge von einem Rassismus waren, der vor 1945 da war und in Ost und West unterschiedlich gewachsen ist. Wenn man sich klar macht, dass ein zweigeteiltes Deutschland zu einer Einheit wurde, dann ist auch klar, dass es zwei uneinheitlich nicht aufgearbeitete Geschichten gibt. Dazu kommt die brüchige Verbindung dieser einstigen beiden Länder, weil es zwischen ihnen in vieler Hinsicht immer ein Ungleichgewicht gab. Darum ist es auch nicht verwunderlich, dass viele Menschen heute ihre eigenen Erzählungen über Ost und West suchen, oft die, die von Vorteil für sie selbst sind.
Wenn man sich klar macht, dass ein zweigeteiltes Deutschland zu einer Einheit wurde, dann ist auch klar, dass es zwei uneinheitlich nicht aufgearbeitete Geschichten gibt.
Spannend, was du zu Anfang gesagt hast: Dass auch Trauer und Wut verbindend sein können.
Trauer kann sogar sehr verbindend sein. Ich denke da an die Perspektive der migrantisierten Menschen, die ihre Werktätigkeitsverträge noch zu DDR-Zeiten verloren haben und in Existenzängste oder durch die Rückkehrverpflichtungen in Gefahr geraten sind. Es gilt, sich Details der Geschichte genau anzuschauen, das merke ich mit meiner West-Sozialisierung immer wieder. Gleichzeitig sind es immer die gleichen Fragen, wenn es um das Thema Migrationsgeschichte geht. Was vermissen die Menschen? Was wurde ihnen genommen, an Sicherheiten, an Erzählungen, an Aufenthalt, an Familie? Diese Brüche, die sich durch die biracial Familien in Ostdeutschland ziehen, sind so unglaublich, genau wie die Geschichten aus dem Westen – zum Beispiel mit Blick auf die Schwarzen Kinder, die zwangsadoptiert wurden. Und dann sind da die Kinder, die hier geboren und aufgewachsen sind mit ihren Biografien, die weitere Kinder bekommen haben. Das alles ist Deutschland. Das sind alles wichtige Geschichten. Es geht mir um diese komplette Erzählung.
Wir sehen heute eine extreme Normalisierung rechter Positionen und Parteien. Zum Tag der Deutschen Einheit bleibt dies unerwähnt. Was bedeutet es, ein nationales Fest in solchen Zeiten zu begehen?
Es bedeutet, sich einer pluralen Erinnerungskultur zu widmen, die sich kritisch mit unserer Vergangenheitsgeschichte auseinandersetzt. Und dabei sprechen wir auch über die Erfahrungen einer postmigrantischen Generation und ihrer Kämpfe und die Widerstände derer, die vor ihnen um Anerkennung im deutschen Selbstverständnis gerungen haben. Wer ein nationales Fest feiert, in dem nur das Positive erwähnt wird, aber die negativen Realitäten keine Erwähnung finden, ignoriert damit auch die aktuellen, gesellschaftlichen Zustände und Kontinuitäten in der Geschichte. Es geht um weit mehr als die Erzählung gesellschaftlicher Spaltung, sondern darum, wie sich ein rechtes und rechtsextremistisches Gedankengut in der sogenannten Mitte etabliert. Schon lange stellt sich die Frage: Wann ist die Grenze wirklich überschritten? Denn dieser Prozess der Normalisierung ist über ein Jahrzehnt hinweg passiert, sodass viele Menschen diese Tatsache scheinbar nicht realisieren, sogar akzeptieren und, schlimmer noch, befürworten. Und dabei sehen viele Menschen nicht, dass die Antwort einer Gegenwehr eben genau darin liegt, sich mit der eigenen Gesellschaft und Geschichte auseinanderzusetzen – mit dem Ziel, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholt. Aber, wenn man diese, gerade bei einem Fest zu einem Kapitel deutscher Geschichte, ausblendet und diese Chance verpasst, dann ist das tragisch.
Dein Rat für alle, die an diesem Tag weder Freude noch Stolz noch Verbundenheit empfinden?
Für die einen bedeutet der 3. Oktober Freiheit, Einheit und ein schönes Fest und für andere hat dieser Tag mit der Erfahrung begonnen, nicht mehr geschützt zu sein oder noch weniger als vorher. Für mich ist der 3. Oktober eine Einladung, über rassistische und antisemitische und insgesamt menschenfeindliche Kontinuitäten nachzudenken, weil sie heute mit die größte Gefahr darstellen. So könnte dieser Tag als Anlass genommen werden, um einander eigene, selbstbestimmte Geschichten zu erzählen und die Euphorie über ein Wiedervereinigungsfest mit einem anderen Label zu versehen. Im Sinne der Uneinheit und einem kritischen Denken. Es wäre eine Möglichkeit, sich mit den anderen, den Ausgeblendeten zu verbinden. Und das Gefühl der Angst, von Verlust, Unsicherheit, Schweigen und Widerstand einfach an diesen Feiertag zu koppeln.
Abschließende Worte?
Wenn ich so über Geschichte erzählen nachdenke: Eine machtkritische Erinnerung bedeutet nicht, diese Heldengeschichte durch eine Opfergeschichte zu ersetzen, sondern zu erzählen, dass es eine widersprüchliche Geschichte ist, mit der wir alle heute in Deutschland leben und einen Umgang finden sollten, sogar müssen.