Lücke im Selbstbild

LYS SALECKER & DARIUSZ SCHIMANKOWITZ

Auch 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges herrscht in Bremen das ungebrochene Selbstbild der Hanseatischen Eliten als “ehrbare Kaufleute”. Da schwingt Stolz mit, denn Bremens Status als Hansestadt ist noch heute ein Identifikationspunkt der Stadt. “Buten un binnen - wagen un winnen” ist das Motto: Innen und außen solle man Chancen ergreifen, das würde sich lohnen. Diesen Satz haben sich die Bremer Kaufleute zwischen 1939 und 1945 sehr zu Herzen genommen.

Der Hamburger Historiker Felix Matheis beschäftigt sich intensiv mit den Aktivitäten hansestädtischer Handelsfirmen im besetzten Polen. Während eines Gesprächsabends unter dem Titel „Hanseaten im ‚Osteinsatzʻ“ stellte er seine Ergebnisse am 12. Mai im Focke-Museum vor. Seine tiefergehende Recherche erschien 2024 in einem Band mit dem selben Titel im Wallstein-Verlag. Dabei ergibt sich ein unschmeichelhaftes Bild unserer wagemutigen Hanseaten.

Durch eine Seeblockade der Briten 1939 brechen die Einnahmen der Bremer Handelsleute abrupt ein. Die Lösung: die Ausnutzung der besetzten polnischen Gebiete im sogenannten Generalgouvernement. Besonders gut etablierte Unternehmen, darunter elf bremische Überseefirmen, zieht es ab 1940 dorthin. Sie helfen der Naziregierung dabei, erstens jüdische Unternehmen systematisch zu verdrängen und zweitens die polnische Landwirtschaft auszubeuten. Dabei wird auch vor Zwangsarbeit kein Halt gemacht. Der Unternehmer Walter C. Többens agiert besonders skrupellos und beutet zehntausende jüdische Zwangsarbeiter*innen im Warschauer Ghetto in seiner Textilfirma aus, bevor sie allesamt von der SS ermordet werden. Schuhe, Mützen, Uniformen, Socken, Lederprodukte und Pelze gehen durch die Hände von über 10.000 Menschen, die die letzten zwei Jahre ihres Lebens in den Többenswerken unter inhumanen Bedingungen arbeiten müssen, damit der Bremer Unternehmer, der später seine Produktion nach Delmenhorst verlegt, Profit aus dem Warschauer Ghetto ziehen kann.

Besonders kontrovers ist in diesem Kontext das Lastenausgleichsgesetz. Unternehmer konnten sich im Fall von “Kriegs verlusten” darauf berufen, um finanziell entschädigt zu werden; ungeachtet der Tatsache, dass ihre Unternehmen auf Diebstahl und Zwangsarbeit aufgebaut waren. Ein außerordentlich milder Umgang der Bremer SPD mit Kriegsverbrechern wie Többens, der dank Bürgermeister Wilhelm Kaisens Einsatz als “Mitläufer” eingestuft wurde, verstärkt den Eindruck, dass es wenig Interesse daran gab, Verbrechen adäquat zu bestrafen.

Felix Matheis möchte das Ausmaß dieses gravierenden Unrechts sichtbar machen und damit auch die Lücken im Selbstbild der Hansestädte. Geschichtsschreibung sei kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug: Sie schärfe unser Verständnis für die Gegenwart. Für Bremer*innen bedeutet das, die ungeschönte Realität der Geschichte der Hansestadt anzuerkennen.

Der Vortrag illustrierte eindringlich, was passiert, wenn wirtschaftliche Interessen über Menschenrechte gestellt werden. Hanseatische Kaufleute sorgten dafür, dass die menschenverachtende und später menschenvernichtende Maschinerie der Nazis möglichst reibungslos weiterlaufen konnte. Sie setzten unaufgefordert, ganz und gar freiwillig, die Ziele der Nazipolitik um. Negative Konsequenzen hatten sie kaum zu befürchten. Einige der Unternehmen existieren noch heute.

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