Paula Modersohn-Becker kam am 8. Februar 1876 in Dresden zur Welt und starb am 20. November 1907 im Alter von nur 31 Jahren in Worpswede. Trotz ihres kurzen Lebens hinterließ sie ein erstaunlich umfangreiches Werk, das heute in großen Museen auf der ganzen Welt zu sehen ist. Auch in der Kunsthalle Bremen kann man ihr begegnen und natürlich im ersten Museum weltweit, das einer Malerin gewidmet ist: im Paula Modersohn-Becker Museum in der Böttcherstraße.
Dahingegen wurde sie zu Lebzeiten kaum als eigenständige Künstlerin wahrgenommen. Von ihren männlichen Kollegen in der Worpsweder Künstlerkolonie weitgehend verkannt, war sie gezwungen, sich jenseits des etablierten Kunstbetriebs selbst zu behaupten und als Malerin neu zu erfinden. Das Ringen um eine unabhängige künstlerische Existenz teilte sie mit vielen begabten Frauen ihrer Zeit. Heute gilt sie aufgrund ihres Werks als Wegbereiterin weiblicher Selbstbestimmung in der Kunst.
Zum 150. Geburtstag rollt Worpswede der Künstlerin den roten Teppich aus: In vier Museen entfaltet sich die Jubiläumsausstellung ›Paula Modersohn-Becker und ihre Weggefährtinnen. Der unteilbare Himmel‹ (29. Juni 2025 bis 18. Januar 2026), die nicht nur ihre künstlerische Entwicklung, sondern auch die ihrer Zeitgenossinnen sichtbar macht. ›Die junge Malerin dort zeigen, wo alles begann – im Künstlerdorf Worpswede und im Kreis ihrer Weggefährtinnen‹, so wird es auf der Website von Worpswede beworben.
In der Großen Kunstschau steht Paula Modersohn-Becker im Mittelpunkt eines Netzwerks von Künstlerinnen, die um 1900 nach künstlerischer Freiheit suchten. Die Ausstellung ›Zukünftiges schaffen – Zeitgenossinnen damals und heute‹ beleuchtet ihre Themen im Dialog mit zeitgenössischen Positionen, unter anderem mit Werken der deutsch-iranischen Künstlerin Anahita Razmi (zu der es hier im Heft einen eigenen Text gibt).
Von Modersohn-Becker ist das ›Selbstbildnis als stehender Akt‹ (1906) zu sehen. Es kann als stellvertretend für ihr Schaffen gesehen werden, denn sie war die erste Künstlerin, die ein Selbstporträt als Akt schuf und damit einen neuen, eigenständigen Blick auf sich selbst, als Frau und Künstlerin formulierte.
In der Großen Kunstschau steht Paula Modersohn-Becker im Mittelpunkt eines Netzwerks von Künstlerinnen, die um 1900 nach künstlerischer Freiheit suchten.
Das Haus im Schluh widmet sich unter dem Titel ›Befreite Muse – Martha Vogeler‹ einer Weggefährtin Modersohn-Beckers. Martha Vogeler, Zeitgenossin und Mitstreiterin, wird hier als eigenständige Künstlerin sichtbar. Das Haus zeigt ihre Arbeiten zwischen den Werken ihres Ehemanns Heinrich Vogeler und vermittelt mit Fotos, Dokumenten und Tonaufnahmen ein lebendiges Bild ihres sozialen und kulturellen Engagements in Worpswede als unabhängige weibliche Kunstschaffende.
Die Worpsweder Kunsthalle präsentiert mit ›Frei und unabhängig – Ottilie Reylaender‹ das Leben und Werk einer Künstlerin, die wie Modersohn-Becker ihren eigenen Weg suchte, von Worpswede über Paris bis nach Mexiko. Die Ausstellung macht deutlich, mit welchem Mut Reylaender es wagte, jenseits gesellschaftlicher Konventionen ein freies Leben zu führen.
Im Barkenhoff schließlich steht die enge Freundschaft zwischen Paula Becker und der Bildhauerin Clara Westhoff im Zentrum. Unter dem Titel ›Verwandte Seelen – Paula Becker und Clara Westhoff‹ zeigt die Ausstellung Skulpturen, Gemälde und Zeichnungen der beiden Künstlerinnen und lässt in Zitaten, Fotografien und Dokumenten ihre persönliche und künstlerische Nähe lebendig werden.
So entsteht in Worpswede ein vielstimmiges Porträt von Künstlerinnen, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Platz in der Kunst erkämpften, verknüpft mit zeitgenössischen Positionen. Im Mittelpunkt steht dabei immer wieder Paula Modersohn-Becker: als Künstlerin, Pionierin und Symbol für den Mut, die eigene Stimme zu finden.