Ein Festival mit Kinderjury

ANTONIA STICH

Wie fühlt es sich wohl an, in einer Zirkusfamilie aufzuwachsen? Was für Geheimnisse verbirgt ein verlassenes Hotel? Wer solche Geschichten auf großer Leinwand erleben möchte, ist beim KIJUKO-Festival vom 4. bis 12. Oktober genau richtig. Bereits zum zwölften Mal lädt das Kinder- und Jugendfilmfestival ins City46 ein und stellt junge Filmfans ins Zentrum. Antonia Stich hat mit dem Festivalleiter Matthias Wallraven gesprochen.

Gezeigt wird eine Auswahl aktueller nationaler und internationaler Produktionen, die teilweise noch vor dem regulären Kinostart präsentiert werden. So zum Beispiel der Eröffnungsfilm ›Zirkuskind‹. Dieser begleitet den Jungen Santino, der in einem Zirkus aufwächst. Die Dokumentation kombiniert Realfilm und Animation und erzählt vom Alltag einer außergewöhnlichen Familie. Ein weiterer Höhepunkt ist ›Das geheime Stockwerk‹, der unter anderem beim Wettbewerb der Deutschen Kindermedienstiftung Goldener Spatz überzeugen konnten. Auch internationale Beiträge bereichern das Programm, darunter der Animationsfilm ›Hola Frida‹, der die Kindheit der berühmten Malerin Frida Kahlo lebendig werden lässt.

Doch das KIJUKO ist noch viel mehr: Ein umfangreiches Rahmenprogramm lädt zum Mitmachen, Fragenstellen und Kreativsein ein. In Workshops können Kinder und Jugendliche selbst Trickfilmtechniken ausprobieren oder sich beim KIJUKO-Club kreativ-spielerisch austoben. Im Anschluss an viele Vorstellungen gibt es Filmgespräche mit Filmschaffenden, die einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen.

Hinter dem Festival steht das Team vom City46, allen voran Matthias Wallraven, der sich während der Vorbereitungen Zeit genommen hat, um im Gespräch von den Besonderheiten des Festivals und über die aktuelle Lage in der Filmwelt zu erzählen.

Bevor wir zum Festival kommen, eine Frage zum Kinderfilm generell. Haben sich Interessen oder Sehgewohnheiten des heutigen Kinder- und Jugendpublikums im Vergleich zu früher verändert?
Das Interesse an tollen Geschichten, die dich mitreißen, dich zum Mitfühlen, Nachdenken oder Mitlachen bringen, ist nach wie vor ungebrochen. Was die veränderten Sehgewohnheiten durch die Digitalisierung und die ständige Verfügbarkeit von Medieninhalten auf Smartphone und Co. anbelangt, möchte ich uns Erwachsene da gar nicht ausnehmen. Die haben sich für uns alle geändert. Und vielleicht ist das Kino genau der richtige Ort, um wieder Filme in voller Länge und mit voller Aufmerksamkeit genießen zu lernen.

Welche Entwicklungen beobachtest du bei Kinder- und Jugendfilmen?
Eine Entwicklung, die mich sehr freut, ist, dass der Kinderund Jugendfilm mehr und mehr die Vielfalt unserer Gesellschaft abbildet und diverser wird. Diesbezüglich haben wir gerade in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Länder doch ein ganz schönes Nachholbedürfnis. Und ich hoffe sehr, dass diese Entwicklung anhält. Denn wir brauchen mehr Mut machende, empowernde Erzählungen – gerade in dieser Zeit!

Wie ist das KIJUKO-Festival entstanden bzw. wie bist du zum KIJUKO-Filmfestival gekommen?
Ich bin 2013 nach Bremen gezogen und habe durch Zufall das Jobangebot bekommen, die Schulkinowoche im Bundesland Bremen zu leiten. Da ich bereits zuvor Erfahrungen in der Kinderund Jugendarbeit mit Filmen gesammelt hatte, war das der perfekte Job für mich. So bin ich auch zum City46 gekommen. Nach dem Abschluss der Schulkinowochen kam die Idee, das Kinderfilmfest (damals hieß das City46 auch noch Kino46 und befand sich in Walle) wieder zu beleben. Das größte Problem war allerdings, dass es anfangs keinerlei Finanzierung gab. Trotzdem gelang der Start, auch dank der Unterstützung langjähriger Förderer. 2014 konnte schließlich das erste offizielle Kinder- und Jugendfilmfestival KIJUKO stattfinden und seitdem ist es stetig gewachsen.

Besonders schön ist, dass es auch Besucher:innen gibt, die mit dem KIJUKO groß geworden sind und immer wieder gerne kommen.

Es werden ja ganz unterschiedliche Filme gezeigt. An welches Publikum richtet sich das KIJUKO Festival?
Wir zeigen sechs Langfilme für Kinder, ein Kurzfilmprogramm für die ganz Kleinen sowie drei Jugendfilme. Gerade Jugendliche ins Kino zu bekommen, ist oft nicht leicht. Deshalb freue ich mich umso mehr, wenn sie, mit oder ohne Eltern, bei unseren öffentlichen Vorstellungen dabei sind. Aber auch Erwachsene wissen gute Coming-of-Age-Filme zu schätzen. Unser Publikum besteht also nicht nur aus Kindern, sondern auch aus ganzen Familien, Eltern oder generell filminteressierten Menschen. Besonders schön ist, dass es auch Besucher:innen gibt, die mit dem KIJUKO groß geworden sind und immer wieder gerne kommen. Außerdem bieten wir alle Festivalfilme auch für Schulklassen an und zwar nicht nur für Grundschulen, sondern auch für weiterführende Schulen.

Worauf wird bei der Filmauswahl für das Festival geachtet?
Durch meine Arbeit und Erfahrung weiß ich inzwischen ganz gut, was bei Kindern und Jugendlichen funktionieren kann. Wenn sich das dann auch beim Publikum bestätigt, freut mich das natürlich besonders. Am Ende entscheidet aber die Kinderjury über die Vergabe des KIJUKO-Preises an einen der sechs Kinderfilme. Auch das Publikum stimmt ab und verleiht einen Publikumspreis. So erhalten wir direktes Feedback sowohl durch die Juryarbeit als auch durch die Besucher:innen. Zudem ist es mir wichtig, verschiedene Filmformate zu zeigen: Animations-, Spiel-, Dokumentarfilme, alles ist dabei. Wir achten auch darauf, dass die Filme gesellschaftlich relevante Themen behandeln. Deshalb zeigen wir nicht nur Filme aus dem deutschen Raum, sondern auch internationale Produktionen, die teilweise im Kino direkt übersetzt werden.

Wie kann man sich das vorstellen?
Wir versuchen jedes Jahr, mindestens einen Film in Originalsprache mit deutscher Einsprache zu zeigen. Dafür haben wir eine Sprecherin oder einen Sprecher vor Ort, die oder der die deutsche Übersetzung live einspricht. Dieses Jahr ist das zum Beispiel beim Film Le secret des mésanges (Das Geheimnis der Blaumeisen) der Fall.

Du hast bereits die KIJUKO-Kinderjury erwähnt. Wie bildet sich diese?
Die Jury besteht aus fünf Kindern im Alter von acht bis zwölf Jahren, die sich vorab per E-Mail beim City 46 bewerben können. Während des Festivals haben sie einen eigenen Rückzugsort, der von anderen nicht betreten werden darf. Begleitet werden sie von einer pädagogischen Fachkraft, die ab der Kennenlernrunde dabei ist. Gemeinsam entwickeln sie eigene Kriterien, nach denen die Filme bewertet werden. Am Ende küren sie ihren Favoriten bei der Kurzfilmgala und können auch andere Filme lobend erwähnen.

Was ist eine besondere Erinnerung, die du mit dem KIJUKO-Festival verbindest?
Vor ein paar Jahren kam eine Frau auf mich zu und erzählte mir, dass sie als Kind regelmäßig das Kinder- und Jugendprogramm im City46 sowie das KIJUKO-Festival besucht hat. Heute schaut sie Filme im Erwachsenenprogramm. Sie berichtete, wie viele schöne Erlebnisse sie im Kino hatte, das habe sogar ihre Kindheit ein Stück weit geprägt. Das hat mich sehr berührt. Besonders schön war auch, dass sie irgendwann dann ihre kleine Schwester mitgenommen hat. Und genau diese Schwester war im vergangenen Jahr Teil der KIJUKO-Jury.

Freust du dich auf etwas ganz besonders im diesem Jahr?
Zum einen freue ich mich sehr, dass wir in diesem Jahr mit einem Dokumentarfilm eröffnen, der schon für Kinder ab sieben oder acht Jahren geeignet ist. Zudem wird die Produzentin vor Ort sein und sich allen Fragen aus dem Publikum stellen. Aber das ist nur der Anfang. Dieses Jahr bin ich wirklich total überzeugt von jedem einzelnen Film.

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