Vom Weltentwurf zu Mikro-Utopien

GUDRUN GOLDMANN

Die Zeit für eine Ausstellung über Utopien und Hoffnungen scheint schlecht gewählt: Krise überall und viel Hoffnungslosigkeit. Aber man weiß auch, dass am dunklen Himmel das Licht am hellsten leuchtet. Der Wolfsburger Museumsdirektor und Kurator Andreas Beitin sieht es ähnlich: ›Wir haben seit vielen Jahren überlegt, dass wir doch einfach mal das Positive, das Zuversicht Spendende der Kunst nach vorne kehren wollen.‹

Gemeinsam mit seinem Kurator:innen-Team hat er bereits in der Pandemie angefangen, sich mit dem Thema Hoffnung zu beschäftigen und nach entsprechenden künstlerischen Positionen gesucht. Von anfänglich über 250 haben es dann noch 110 Werke von knapp 60 Künstler:innen in die Ausstellung geschafft.

Sie alle setzen sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit utopischen Ideen auseinander. ›Es geht beispielsweise um Gerechtigkeit und Wohlstand für alle, eine der großen Utopien des 20. Jahrhunderts‹, so Beitin. Und die wird – etwas überraschend – gleich zu Beginn der Ausstellung demontiert: Auf dem Boden, auf einer langen Holzkonstruktion, liegen zerbrochene Sterne, die früher rot leuchtend in kommunistischen Staaten wichtige Gebäude schmückten. Die Arbeit ›Firmament‹ von Raimund Kummer und Stephan Huber ist ein Abgesang auf diese Utopie der Gleichheit.

Die Ausstellungsmacher:innen beschreiben die Ausgangssituation während ihrer Recherche auf einer der Erklärtafeln in der Ausstellung: ›Auch aktuell wird die Gegenwart von vielen Menschen als negativ, ja als bedrohlich wahrgenommen, denn wir erleben eine bisher so nicht gekannte Phase der Polykrise: Neben Kriegen, Genoziden, weltweiten Fluchtbewegungen, dem in vielen Ländern erstarkendem demokratiezersetzenden Populismus und Rechtsradikalismus sowie einem sich ausdehnenden Vertrauensverlust in Demokratien dominiert vor allem die menschengemachte Klimakatastrophe das Denken und Handeln vieler.‹ 

Dem entgegen setzen sie die Kunst von Künstler:innen, die sich mit kleinen Utopien beschäftigen, sogenannten Mikro-Utopien, die in ihrer Gesamtheit etwas Positives bewirken können. In den gänzlich in Schwarz gehaltenen Räumen sollen diese Utopien leuchten wie Fixsterne der Hoffnung, so der Kurator Dino Steinhof bei der Presseführung. Für eine inhaltliche Gliederung sind die Positionen in sieben thematische Bereiche aufgeteilt mit Überschriften wie ›Demokratie und globale Gerechtigkeit‹, ›Individuelle Utopien und Gemeinschaften‹ sowie ›Utopien alternativer Zukünfte und posthumaner Lebewesen‹.

Dass es im letzteren Bereich etwas wild wird, kann man sich denken: Ein Videogame des Kollektivs Keiken präsentiert ein postkapitalistisches Science-Fiction-Szenario, in dem die Menschen über das Bewusstsein aller humanen und nicht-humanen Arten verfügen. Die Künstlerin Cao Fei befasst sich mit dem Metaverse und schafft eine Chimäre aus Mensch, Maschine und Oktopus, die als nichtbinärer Avatar durch dessen Sphären gleitet.

Es geht aber auch eine Nummer kleiner und praktischer. Im Cluster ›Nachhaltigkeit, Klimaaktivismus und die Rechte der Natur‹ wird beispielsweise das Projekt ›rethink*rotor‹ von OX2architekten vorgestellt. Hier geht es um Ideen zur Weiterverwendung von abgebauten Rotorblättern von Windrädern. Auch die von Arturo Vittori konzipierten Warka Tower zur Wassergewinnung in trockenen Gegenden haben einen sehr praktischen Nutzen und auch eine besondere Ästhetik.

Und wenn die Ausstellung am 11. Januar schließt, wird doch etwas bleiben, denn die Künstler:innen Violeta Burckhardt und Andreas Greiner haben 25 nicht perfekt gewachsene Bäume in Baumschulen aufgekauft, die zum Teil an interessierte Wolfsburger Ausstellungsbesucher:innen abgegeben werden und zum kleineren Teil als ›lebende Skulpturen‹ im Wolfsburger Stadtforst bereits einer neuen Bestimmung zugeführt wurden.

›Die zentrale Aussage unserer Ausstellung ist im Grunde genommen, keine neue Gesellschaftsutopie zu entwickeln. Sondern es geht vielmehr darum, die Vielfalt von sogenannten Mikroutopien aufzuzeigen.‹ Andreas Beitin

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