Kein Fußbreit den Rechten

TERESA STARKLOFF

Wir sitzen in der Eisdiele im Worpsweder Zentrum. Am 9. November wird direkt gegenüber, im Alten Rathaus des Ortes, der politische Schriftsteller Monty Ott, Gründungsvorsitzender des queer-jüdischen Vereins Keshet (Regenbogen) Deutschlands sprechen. Gemeinsam mit der Worpsweder Initiative ›Nie wieder – Erinnern für die Zukunft – Gemeinsam gegen Rechts‹ gedenkt er des 87. Jahrestags der Reichs-pogromnacht. Der Nacht hemmungsloser Gewalt im Jahr 1938, nach der niemand mehr die systematische Verfolgung jüdischen Lebens durch den nationalsozialistischen Staat leugnen konnte.

Almut Helvogt und ich entscheiden uns für Eis und Cappuccino, Katharina Hanstein- Moldenhauer bestellt einen Cappuccino und ein Leitungswasser – wie immer, sagt sie der Kellnerin. Die beiden Frauen gehören zu den Gründungsmitgliedern von ›Nie wieder – Erinnern für die Zukunft‹, die sich seit 2017 für zukunftsbezogenes Gedenken einsetzt. Was das bedeutet? Sie möchten ein Erinnern an die nationalsozialistische Herrschaft und grausame Verfolgung von Jüdinnen und Juden lebendig halten, gleichzeitig aber aufzeigen, was die Erinnerungskultur mit unserer Gegenwart und Zukunft zu tun hat.

Wie viele Demokrat:innen und Antifaschist: innen sind sie besorgt: Über eine AfD, die in bundesweiten Umfragen auf 26% der Wähler:innenstimmen kommt und insbesondere die Jugend mobilisiert; über zunehmenden Antisemitismus, Homophobie und Islamophobie. Auch die Wissenslücken vieler, insbesondere junger Menschen bezüglich des Holocausts bereiten ihnen Sorgen. So gaben bei einer Umfrage etwa 40 Prozent der Deutschen an, nicht gewusst zu haben, dass die Nationalsozialisten etwa sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordeten. Mit ihrer Initiative wollen sie dieser Entwicklung entgegenwirken. Sie organisieren Filmvorführungen, Theaterstücke, Lesungen und Gedenkveranstaltungen. Auch in politischen Debatten positionieren sie sich klar, beispielsweise mit einer Spontankundgebung zu den Morden in Hanau 2020 oder durch den Aufruf zum Hissen von Pride-Flaggen zum diesjährigen Christopher-Street-Day.

›Es ist wie ein Drehbuch, das sich zu wiederholen droht.‹

Als wesentliche Ziele ihrer Arbeit sehen sie Aufklärung und Sensibilisierung. Aufklärung über die Vergangenheit, aber auch über Parallelen zum Aufstieg der AfD, oder dem politischen Umgang mit ihr. Sensibilisierung insbesondere in Hinblick auf antidemokratische Strukturen, verbunden mit der Aufforderung gegen diese aktiv zu werden. Denn die Normalisierung rechten Gedankengutes führe zu nichts weniger als der schleichenden Ausbreitung brachialer Gewalt. Betrachtet man Statistiken rechtsextremistischer Gewalttaten, erscheint diese Entwicklung erschreckend schnell zu gehen. 2024 waren es deutschlandweit 11,6% mehr als im Vorjahr, gerichtet insbesondere gegen Minderheiten.

›Die AfD hat aus der Vergangenheit gelernt, wie die Machtübernahme durch die Nazis 1933 und in der Zeit davor ablief. Und sie nutzt dieses Wissen für ihre Vorbereitung der Machtergreifung‹, sagt Katharina Hanstein-Moldenhauer im Gespräch. ›Es ist wie ein Drehbuch, das sich zu wiederholen droht.‹ 

Während die AfD bei der letzten Bundestagswahl in einigen Landkreisen auf über 40% der Stimmen kam, sind es in der Gemeinde Worpswe-de mit 13% vergleichsweise wenig. Vor Ort hat die Partei keinen Verband, doch auch hier gibt es rechtsextreme Akteure: Beispielsweise den Frontmann der rechtsextremen Hooligan-Band Kategorie C, Hannes Ostendorf, der seit vielen Jahren in Worpswede ansässig ist. Oder den antisemitischen Youtuber Jo Conrad, der im Internet pseudowissenschaftliche und verschwörungstheoretische Inhalte teilt. Ein Treffen von Jo Conrad mit der in rechten Kreisen gefeierten Monika Donner in einem Worpsweder Gasthaus konnte von der antifaschistischen Gruppe ›Worpswede gegen Rechts!‹ verhindert werden. ›Nie wieder- Erinnern für die Zukunft‹ erfährt immer wieder gezielte Angriffe. So wurden im vorletzten Jahr ein Gedenkbanner heruntergerissen und Plakate für Veranstaltungen im Ort fast vollständig entfernt. Doch einschüchtern lassen sich ihre Mitglieder nicht. Ihr Motto lautet: Kein Angriff ohne Gegenaktion.

Im Zuge der Covid- Pandemie formierten sich erste öffentlich auftretende, rechte Gruppierungen.

In Worpswede hat sich die Situation seit 2020 verschärft. Im Zuge der Covid- Pandemie formierten sich erste öffentlich auftretende, rechte Gruppierungen. Anfangs getragen von Familien, die eine Impfpflicht fürchteten, entwickelten sich die Worpsweder Montagsdemonstrationen zum wöchentlichen Treffpunkt rechtsesoterischer und rechtsextremer Personen. Die Mitglieder der Initiative stellten sich dem mit eigenen wöchentlichen Treffen zum Schutze des Rathauses und einer Gegendemonstration mit 350 Demonstrierenden entgegen. Eine teilnehmende Worpswederin wurde an einem Montag durch ein Mitglied der Partei Die Basis körperlich so attackiert, dass sie im Krankenhaus behandelt werden musste.

2024 rief die Initiative, mit Unterstützung der Gruppe ›Worpswede gegen Rechts!‹ das Bündnis ›Kein Platz für Nazis in Worpswede‹ ins Leben, welches sich aktiv gegen Rechtsextremismus einsetzt. Heute zählt es mehr als 80 Mitgliedsgruppen.

Auf die Frage, nach welchen Werten und Zielen ihre Initiative agiert, antwortet Almut nach einiger Zeit: ›Nach einem Menschenbild, das alle Menschen als gleichwertig erachtet, so wie es Artikel 1 des Grundgesetzes fordert.‹ Warum so viele Menschen diese Tatsache aktuell leugnen, bleibt ihnen unbegreiflich.

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