"Es war ein Stück innere Heilung"

CHANCY MASSAMBA

Die Musik von Engin verbindet Indierock und anatolische Musiktraditionen. Aktuell ist die deutsch-türkische band mit ihrem neuen Album “Sag mir Almanya” auf Tour. Am 20. Mai spielen Engin in der Kesselhalle des Schlachthofs. Wir haben mit dem Sänger und Gitarristen Engin Devekiran gesprochen.

zett: Warum deutsch-türkischer Indie?

Engin: Ich habe einen türkischen Vater und bin deutsch-türkisch aufgewachsen. Für mich war die türkische Musik aber lange Zeit gar nicht so prägend oder wichtig. Aber als ich im Musikstudium war, hatte ich viel Zeit, alte türkische Musik zu hören, vor allem Anadolu Rock aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Und da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Die Musik bewegt so viel in mir, warum habe ich das all die Jahre ignoriert? Und da habe ich David, unseren Bassisten, angesprochen und gesagt, lass uns das mit deutschem Indie verbinden. Und bei den Aufnahmen mit Jonas, unserem Drummer, haben wir gemerkt, dass das gut passt in der Konstellation.

Was hat dieser Prozess mit dir gemacht?

Es war ein Stück innere Heilung. Wenn du ein Thema lange ignorierst, heißt es ja nicht, dass es weg ist. Es ist einfach ein bisschen verschüttet. Und dann ist es krass, wenn man sich da rein begibt. Ich musste mich auch mit meinem schlechten Türkisch auseinandersetzen. Als Kind habe ich türkisch gesprochen und es dann immer mehr verlernt. Und dann war es auch schmerzlich zu sehen, was ich all die Jahre von der Sprache und der Kultur verpasst habe. Und jetzt habe ich die Möglichkeit, das anzunehmen und etwas Positives draus zu machen.

Du bist der Einzige in der Band mit türkischem Hintergrund. Wie läuft das ab, wenn ihr Songs schreibt?

Die Jungs haben im Laufe der Zeit viel türkische Musik gehört und haben da mittlerweile auch einen Bezug zu. Und wir erspielen uns ganz viel Musik, indem wir zusammen jammen. Und in diesem Prozess fragen wir uns: Wäre es interessant, da jetzt was Deutsches oder was Türkisches drauf zu texten? Das ist so eine große Spielwiese. Wir gucken Schritt für Schritt im Entstehungsprozess, was es braucht.

Wie unterscheidet sich das Schreiben auf Türkisch und auf Deutsch für dich?

Auf unserem neuen Album habe ich zum ersten Mal selbst einen türkischen Song geschrieben. Das ist ein sehr großer Moment für mich gewesen, ich hätte vor ein paar Jahren überhaupt nicht gedacht, dass das überhaupt möglich sein würde. Und natürlich sind die Sprachen sehr unterschiedlich. Deutsch ist sehr präzise, mit sehr vielen Wörtern und Konsonanten. Türkisch ist weich, mit vielen Vokalen und Endungen, die sich reimen. Man kann mit wenig Worten viel sagen. Es ist eine sehr poetische Sprache und im Vergleich zum Deutschen leicht zu singen.

Wie würdest du euer neues Album für die beschreiben, die es noch nicht gehört haben?

Es ist deutsch-türkischer Indie-Rock mit psychedelischem Einschlag und es bewegt sich zwischen poppigen und rockigen Riff-Momenten. Eine Einladung an alle Menschen, die offen sind, neue Musik zu entdecken. Hör es dir an, und dann wirst du vielleicht merken, dass das gar keine fremde Musik ist, sondern, dass sich das total natürlich anhört und man sich da auch gut zu bewegen kann. Man muss kein Türkisch können, um die Musik gut zu finden.

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