Platz für junge Kunst schaffen

SOPHIE GOMMEL

Der 670er Bus von Bremen Hauptbahnhof nach Osterholz-Scharmbeck führt ins Herz des kleinen Dorfes Worpswede. Mit Blick auf die Bergstraße reihen sich Museen, Galerien, Läden und Cafés in das Blickfeld ein. Es regnet, die Straße ist gefüllt von kleinen Gruppen Tourist:innen mit Regenschirmen, die ihren Samstag hier verbringen. Das von Moorgebieten umringte Dorf trägt die Bekanntheit der ehemaligen Künstler:innenkolonie des späten 19. Jahrhunderts bis heute mit sich.

Das spiegelt auch die derzeit in der Worpsweder Kunsthalle stattfindende Ausstellung im Rahmen des 150-jährigen Jubiläums mit dem Titel ›Paula Modersohn-Becker und ihre Weggefährtinnen. Der unteilbare Himmel‹. Beleuchtet werden die Begegnungen und Verbindungen Paulas mit Worpsweder Künstlerinnen wie Clara Rilke-Westhoff und Ottilie Reylaender. Hier finden die gegenseitige Unterstützung, die geteilten Wünsche und Widersprüchlichkeiten sowie die Träume der Künstlerinnen im damaligen Worpswede Platz.

Die Kunsthalle verlassend führt der Weg zu einem der Cafés. Dort wird eine Postkarte mit Paula Modersohn-Becker-Motiv verschickt und der ehemaligen Künstler:innenkolonie gefrönt, dazu ein Stück Torte und ein Kaffee. Der kleine Marktplatz nebenan verbindet mit der Ländlichkeit Worpswedes: Honig, Gemüse und Backwaren aus der Region werden an kleinen Ständen verkauft. An den Außenfassaden der Gebäude in der Bergstraße blitzen immer wieder installierte Lichtobjekte auf. Die Worte Frauen, Leben, Freiheit sind auf Farsi, Englisch und Deutsch angebracht.

Anahita Razmi arbeitete in Kooperation mit den Bremer Künstler:innenhäusern und dem Worpsweder Museumsverbund als Stipendiatin. Sie untersuchte die Verbindung von Paula Modersohn-Becker und ihrer Rolle in der Gegenwart. Parallelen zu Selbstbestimmung und vorgegebenen gesellschaftlichen Rollen werden in Bezug zur iranischen Freiheitsbewegung neu gezogen. Mit der Relevanz von Kunstschaffenden der Künstlerkolonie und der Arbeitswelt junger Künstler:innen beschäftigt sich auch Bhima Griem. Er hat gemeinsam mit Philinie Griem die Leitung der Künstler:innenhäuser und des Haus6 inne. ›Im Zentrum steht das Schaffen neuer dritter Orte, die Verknüpfung von Museen und zeitgenössischen Anschlussorten.‹ 

Der Weg vom Café aus ist nicht weit – einmal die Straße und einen kleinen Seitenweg hinunter liegt das Haus6 direkt an der Findorffstraße. Tische und Stühle stehen draußen, es sieht nach einem Ort aus, an dem es viel zu entdecken gibt. Vor dem Eingang steht ein Pflanzentauschregal mit heimischen Wildpflanzen als Teil der derzeitigen Ausstellung von Catherina Mandl, einem Gründungsmitglied des Vereins Folge6. Ihre Werke thematisieren Fragen nach Mensch und Natur, weitergehend betrachtet sie den Menschen als untrennbaren Teil der Natur.

Im Haus befinden sich im unteren Eingangsbereich zwei Ausstellungsräume. Eine alte, geschwungene Treppe führt nach oben in einen weiteren Raum, in dem Malerei-, Fotografie- und installative Werke Mandls ausgestellt sind. Das Haus6 bildet seit vier Jahren einen Ort für zeitgenössischen Aktivismus und selbstverwaltete günstige Atelierräume – sieht sich jedoch durch Zwischennutzungsverträge temporär begrenzt.

Geschaffen werden sollte ein Raum für junge Menschen, die sich im künstlerischen Austausch, in Begegnung und verschiedenen Aktivitätsformen bewegen möchten, so Bhima Griem. In kooperativen Arbeiten sind über die eigenen Räumlichkeiten hinaus gemeinsame Ausstellungen in der Galerie Altes Rathaus umsetzbar geworden, die Vernetzung mit den Künstler:innenhäusern stiftet Verbindungen mit Stipendiat:innen und bildet damit über die Bergstraße hinaus eine Vernetzung im Dorf.

Im Erdgeschoss sitzen wir in der Bar mit selbstgebauten Stühlen bei einem Getränk, wie es auch an Freitagen im Haus6 üblich ist. Das Engagement, dass in Räumen wie diesen ihren Platz findet, ist generationsübergreifend gedacht, von der Linksjugend Lilienthal bis hin zur Zusammenkunft von Jung & Alt beim Fabelhoffest.

Der Weg in Worpswede beginnt bei Paula Modersohn-Becker, reicht weiter zu Neukontextualisierungen ihrer Werke und endet hier. Wie Bhima sagt: ›Es geht um die Weiterentwicklung von der Begrifflichkeit der Künstlerkolonie hin zu einem Künstler:innendorf.‹

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